Herr Franek

Ich dachte immer, dass Künstler in den Wolken schweben und komische Kleidung tragen. Deswegen war auch Herr Franek, der in dem Zeitungskiosk unterhalb meiner Wohnung arbeitet, der Letzte, von dem ich gedacht hätte, dass er etwas mit Kunst zu tun haben könne. Seine Ruhe und Einfachheit verwunderten mich schon immer. Für Herrn Franek schienen die aktuellen Probleme der Welt- wer mit wem gerade einen Krieg führte - nicht zu existieren. Immer wenn ich die Schlagzeilten kommentierte, zuckte er mit den Schultern und fragte, wie es mir ginge. Das änderte sich an einem Januarmorgen, als ich um fünf Uhr früh aufstehen musste, weil meine Eltern verreisten. Nachdem ich sie zum Auto gebracht hatte, bemerkte ich, wie der Mann in dem Kiosk etwas aus einer Zeitung ausschnitt. Ich ging meine Zeitung kaufen und fragte Herrn Franek neugierig, was er da mache. Ich erfuhr dann, dass er seit 20 Jahren verschiedene Sachen aus allen Zeitungen ausschnitt, die er in seinem Laden hatte, und daraus eine Art Collage machte, die die Welt beschrieben sollte. Schüchtern gab er mir ein kleines Kärtchen. Das war Einladung zu seiner Vernissage im Zentrum für Moderne Kunst. Ich war so überrascht, dass ich wohl vergass mich dafür zu bedanken. Die Ausstellung war wundervoll. Alle waren von der Idee und der Ausführung begeistert. Aber ich beobachtete mit noch grösserem Interesse Herrn Franek, der einen sehr gewöhnlichen Anzug trug, auf der Seite stand und eher wie ein Museumswächter als wie ein Künstler aussah. Er hat seine Regalsysteme. Seine Regalsysteme sind für ihm ganz klar. Er muss immer frei sein. Vielleicht ist eben der wahre Künstler derjenige, der durch nichts auffällt?